Dienstag 23 September 2014

Das Schweigen der Mikrofone

Wenn Konzertbesucher plötzlich die Texte des Sängers oder die Kirchengemeinde die Predigt des Bischofs nicht mehr verstehen, dann muss dies nicht unbedingt an den Inhalten der Darbietung liegen. Nach der Versteigerung neuer Mobilfunkfrequenzen im Bereich von 790 bis 862 MHz kann dies schon bald handfeste technische Gründe haben, weil drahtlose Mikrofonanlagen bisher diesen Frequenzbereich nutzen.

Vor allem im Bereich der kulturellen Einrichtungen tobt seit Monaten eine erbitterte Diskussion, die professionelle Konzert- und Kongress-Veranstalter, Betreiber von Theatern und Kirchen gleichermaßen auf den Plan ruft. Hintergrund ist die im Mai 2010 erfolgte Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen unter anderem im 800 MHz-Bereich. Zwar zeigten sich nach der Auktion fast alle Beteiligten zufrieden mit den Erlösen, aber die Rechnung wurde offensichtlich ohne eine gangbare Lösung für die Weiternutzung drahtloser Mikrofonanlagen gemacht. Sie sind offiziell zwar weiterhin Sekundärnutzer der Frequenzen und dürfen das auch bis 2015 bleiben, aber Garantien für einen störungsfreien Betrieb haben sie keine. Da reicht ein Sendemast in der Nähe, um unkontrollierbare Störungen zu erzeugen – und Nähe kann hier durchaus mehrere Kilometer bedeuten. Zusätzliche Unsicherheit entsteht für die Veranstalter dadurch, dass sie nicht darauf setzen dürfen, durch Ausbaupläne von Telekom Deutschland, Vodafone und Telefonica O2 Germany, zu erfahren, wann in ihrer Nähe ein Sender mit den neuen Frequenzen in Betrieb geht. Im Vordergrund soll nach den Auflagen der Bundesnetzagentur der Ausbau in mit Breitband-Internet unterversorgten ländlichen Regionen stehen.

Gesamtkosten umstritten

Die Betroffenheit ist insbesondere in der Unterhaltungsbranche groß. Selbst Künstler wie Peter Maffay engagieren sich für eine angemessene Entschädigungsregelung. Kein Wunder, kommen doch bei Shows wie Tabaluga schon mal bis zu 100 drahtlose Mikrofone zum Einsatz. Ein Austausch dieser Anlagen ist mit erheblichen Kosten verbunden. Peter Marx, Vorstandsmitglied der Association of Professional Wireless Production Technology (APWPT), geht von Kosten bis zu 3.000.- Euro pro Strecke aus, also pro Sender und Empfänger inklusive der Kosten für die Installationen. Das ist insbesondere für kleine Betreiber wie etwa auch Kirchen oder Schulen kaum zu stemmen. Nach Schätzungen der APWPT sind bis zu 630.000 Anlagen in Deutschland im Betrieb. Über die Gesamtkosten für notwendige Umrüstungen wird nun verbissen gestritten.

 

Auch der Deutsche Bühnenverein, hat als Bundesverband der deutschen Theater und Orchester bereits vor längerem auf den Sachverhalt hingewiesen und beklagt vor allem die Tatsache, dass weder die Bundesnetzagentur noch die Telekommunikationsunternehmen bereit sind, einen geregelten Übergang sicherzustellen. Rolf Boldwin, Direktor des Bühnenvereins geht von Kosten in Höhe von 350.000.- Euro in einem Dreispartenthater aus und hält das Vorgehen der Bunderegierung insgesamt für nicht nachvollziehbar: „Schließlich hat der Bund durch die Versteigerung der Frequenzen hohe Einnahmen erzielt.“

Mit Störungen ist zu rechnen

Die Thematik ist seit langem bekannt. So schrieb die Bundesnetzagentur in ihrem Konzept für die Frequenzzuteilung für drahtlose Mikrofone bereits im Mai 2009: „Der Bereich von 790 bis 862 MHz wird auch von professionellen Betreibern genutzt (z.B. Theater, Konzertveranstaltern, Universitäten, Stadthallen), die absolute Betriebssicherheit und hohe Übertragungsqualität verlangen. Im Falle der Nutzung dieses Frequenzbereiches durch Mobilfunk ist mit Störungen der Mikrofone zu rechnen. Eine prinzipielle störungsfreie Parallelnutzung in mit Mobilfunk versorgten Gebieten kann nicht sichergestellt werden.“ Bekannt war auch durchaus die Größenordnung: „Basierend auf den von Herstellern genannten Verkaufszahlen ist davon auszugehen, dass sich hier die überwiegende Anzahl der Mikrofone befindet.“

Der Technikexperte des Freilichtbühnenverbandes, Dieter Schneider, erklärt, warum auch die Betreiber von Open-Air-Spektakeln Beeinträchtigungen ihrer Vorführungen befürchten: „Unsere Technik hat 50 bis 60 Meter Reichweite und sendet mit 20 Milliwatt. Die neuen Endnutzer der Frequenzen bringen es auf zwei Watt, die sind hundert Mal stärker.“ Dramatischer schildert es Norbert Hilbich Head of Application engineering von Sennheiser in einem Interview: „Gegen einen LTE-Sendemasten mit geschätzten 800 Watt abgestrahlter Leistung kann ein drahtloses Mikrofon mit 30 Milliwatt Sendeleistung nichts ausrichten.“

Er gibt weiterhin zu bedenken, dass zukünftig generell mit zunehmenden Störungen zu rechnen ist, weil die derzeitigen Betreiber das Spektrum von 790-862 MHz verlassen und unterhalb dieser Frequenzen arbeiten müssen. Die Situation wird dadurch verschärft, dass mit der Umstellung von DVB-T auf DVB-T2 beide Standards der terristrischen Fernsehübertragung für eine gewisse Zeit parallel betrieben werden und von der Bandbreite zehren. Auf der anderen Seite nimmt die Zahl der drahtlosen Anlagen wegen der Anzahl entsprechender Veranstaltungen weiter zu und der Trend zu einer höheren Auflösung macht auch beim Ton nicht Halt und erfordert mehr Bandbreite.

Der Umbau bestehender Geräte auf die Eignung für Frequenzen unterhalb von 790 MHz ist zwar eine Alternative, aber nicht ganz ohne Fallstricke. Auf jeden Fall ist der Betrieb der Anlagen dann anmelde- und damit auch kostenpflichtig.

Wie akut die Problematik tatsächlich ist, zeigte ein Testbetrieb mit LTE auf dem Gelände der Hannover-Messe anlässlich der CeBIT 2011. In Abstimmung mit der Messe AG, der Bundesnetzagentur, Vodafone und Sennheiser wurden umfangreiche Praxistests durchgeführt. Das erwartete Ergebnis war, dass der Betrieb von drahtlosen Mikrofonanlagen in den entsprechend von LTE genutzten Frequenzbereichen nicht möglich ist. 

Unterschiedliche Bewertung

Auch wenn die Bundesregierung die Problematik durchaus anerkennt, so gibt es doch erhebliche Unterschiede bei der Bewertung. So geht der Bundesrat davon aus, dass die in diesem Zusammenhang entstehenden Kosten mit bis zu 750 Mio. Euro zu beziffern seien, wohingegen der Bund einen Entschädigungsfond mit maximal 200 Mio. Euro ausstatten will. In Anbetracht der Versteigerungserlöse von 3,6 Milliarden Euro hält der Bundesrat diesen Betrag für nicht angemessen.

In diesem Sinne fordert etwa NRWs Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann die Bundesregierung auf, ihr Versprechen einzuhalten und angemessen für Mikrofonanlagen zu entschädigen, die künftig aufgrund von Mobilfunkstörungen wertlos werden: "Der Bund darf den Kultur- und Bildungseinrichtungen im Land nicht den Saft abdrehen. Wenn er für die Versteigerung der betroffenen Funkfrequenzen 3,6 Milliarden Euro erzielt, dann ist es das Mindeste, dass die geschädigten Einrichtungen einen angemessenen Ausgleich erhalten."

Allerdings scheinen entsprechende Gespräche zwischen dem Bund und den Ländern nicht recht voranzukommen und wurden zunächst in diesem Punkt ohne Ergebnis abgebrochen. Eine generelle Entschädigungszusage des Bundes existiert zwar. Nach wie vor ist allerdings völlig unklar, wer, wann und wieviel erhält, und auch entsprechende Modalitäten lassen auf sich warten. Insgesamt will der Bund überhaupt lediglich eine Summe von 126 Millionen Euro bereitstellen.

Kritiker argumentieren damit, dass zum Beispiel in Großbritannien ein angemessener Kostenersatz zugesichert wurde, noch bevor die Versteigerung stattgefunden hat. Antragsteller erhalten dort 55 Prozent des Neuwertes eines gleichwertigen Systems .

Fazit

So sind hier die Nutzer zunächst gefordert, sich selbst ein Bild über die möglichen Auswirkungen zu machen und mit Fachunternehmen und Herstellern über mögliche Lösungswege aus dem Dilemma – etwa durch Frequenzumrüstungen - zu sprechen. Jedoch gilt es, auf die Details zu achten. Höhere Frequenzen sind zwar vielfach bei neueren Anlagen einstellbar, jedoch aufgrund der technischen Eigenschaften weniger robust bzw. geeignet gerade für Anwendungsszenarien der Veranstalter. Dies gilt insbesondere, wenn die Mikros am Körper getragen werden. Beim Wechsel auf das freie 2,4 GHz - Band drohen zudem Störungen durch WLAN-Nutzung.

Fachartikel erschienen in VAF Report 2 / 2011

Bild: Caró ( www.caro-music.de )

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